
Klassischer Journalismus
In diesen Tagen erleben wir ihn wieder einmal hautnah den schmalen Grad zwischen ethisch korrektem und Sensationsjournalismus. Die einen versuchen sich objektiv dem Thema zu widmen, thematisieren eher die Aufklärung und Ursachen des Unglücks, während die anderen ungeniert Bilder und Videos des Chaos nach der Massenpanik auf der Love Parade online stellen – einschließlich verletzter Menschen und herumliegender Leichen. Dies ist für uns eigentlich nichts Neues. Wir haben das gleiche Verhalten bei ähnlichen Unglücken auch schon erlebt. Die Frage der Ethik im Journalismus ist immer wieder ein scheinbar neues Thema, aus dem vorher nie einer gelernt hat.
Citizen Journalism
Genauso stelle ich mir aber momentan ebenso die Frage, was eigentlich schlimmer ist – der Sensationsjournalismus, oder der Citizen Journalism. Denn während einschlägige Boulevardmagazine zumindest die Gesichter unkenntlich machen, sind auf Youtube die gleichen Bilder unzensiert, in voller Länge, inklusive erkennbarer Gesichter zu sehen. Schreiende, sterbende, aphatische Menschen – Bilder, die wirklich niemand sehen will und die am wenigsten ein berechtigtes Interesse für die Öffentlichkeit darstellen. Nun mag die Tragödie auf der Love Parade zufällig die bisher vermutlich höchste Anzahl an videofähigen Mobiltelefonen auf einem geballten Raum gehabt haben. Dies führte natürlich zu einer entsprechend hohen Zahl von Live-Eindrücken, von der sicher auch nur ein Bruchteil auf Youtube gelandet ist. Dennoch haben die Ersteller der Videos prinzipiell auch eine ethische und journalistische Verantwortung, derer sie aber natürlich aus Unwissen oder Leichtsinn nicht nachkommen.
Wahrheit und Manipulation
Was uns aber aber in diesen Tagen auch wieder einmal klar wird ist, dass in Zeiten von Katastrophen und Chaos, die Verantwortlichen immer noch dazu neigen, die Tatsachen zu verdrehen, zu verharmlosen und Informationen gezielt zu manipulieren, um sich aus der Affaire zu ziehen. Es hätte kein Platzmangel geherrscht, das Gelände bot genügend Platz, die Opfer seien von der Treppe gestürzt und dabei verstorben. Da sind sie nicht anders, als die Opfer der Massenpanik selbst. Ohne Rücksicht auf Verluste steigen sie über die Toten, drücken die Tatsachen zu Boden, um sich über eine schmale Treppe aus dem Geschehen zu ziehen – und an dieser Stelle setzt das Paradoxe ein. Die Nummer zieht nicht mehr. Denn die Aufnahmen der zahlreichen Besucher vor Ort beweisen etwas anderes. Auf ihnen ist genau erkennbar, was passiert ist, wie eng es war und wie die Menschen hilflos in der Menge untergingen. Zu sehen ist auch, wie die Opfer versuchen die am Boden liegenden abzuschotten, sie zu schützen und aus der Gefahrenzone zu ziehen. Sicher sind Menschen, die sich an der Treppe oder den Plakaten festhielten abgestürzt, doch diese sind nicht gestorben. Augenzeugen berichten jedoch davon, dass diese Stürze die allgemeine Panik verstärkt haben.
Man kann uns nichts mehr vormachen – die Zeiten von Manipulation und Beeinflussung sind vorbei. Wikileaks, Youtube und Facebook ermöglichen dem Volk eine eigene Meinungsbildung. Dass diese Form der Verbreitung allerdings auch nicht frei von Fehlern ist zeigt die anfängliche Meldung auf Twitter, die Menschen seien durch einen Bombenanschlag auf der Love Parade gestorben. Allerdings korrigierte sich die Masse auch sehr schnell wieder selbst und die Meldungen gingen unter.
Konsequenzen
Auch wenn es eine fragwürdige Form des Journalismus ist – Citizen Journalism wird zunehmen und das fordert auch Expertisen und ein bewusster Umgang mit den neuen Massenmedien. Auch wenn ich keine Zensur fordern möchte, so finde ich eine allgemeine ethische Selbstkontrolle, oder unterstützende Kontrolle durch Experten durchaus sinnvoll und wichtig. Aus Respekt vor den Toten und ihren Angehörigen dürfen solche Szenen gar nicht auf Youtube landen. Der Gedanke, dass jemand aus meinem Umfeld dort hätte umkommen und anschließend von einem Millionenpublikum besichtigt werden können weckt schieres Grauen in mir.
Der wichtigste Anknüpfungspunkt aus meiner Sicht ist in dem Fall die Aufklärung. Medienkompetenz an Schulen lässt zu wünschen übrig und die Bildungspolitik lässt kein Geld für Experten zu, die Jugendlichen z.B. in Sonderseminaren über den Umgang mit Massenmedien aufklären könnten. Ich kann mir aber beispielsweise vorstellen, dass geübte Experten, mit genügend Erfahrung, ehrenamtlich eine solche Aufgabe übernehmen würden. Ich wäre beispielsweise sofort dabei.
Dieser Idee werde ich in der nächsten Zeit ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken und Gespräche mit euch suchen. Vielleicht können wir da was machen. Bei Interesse dürft ihr mich zu dem Thema auch gerne jederzeit ansprechen. Eine Fortführung der Gedanken folgt die Tage an dieser Stelle.
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